Die Anfrage, bei der sich niemand mehr erinnert, worum es ging
Montagmorgen, drei neue Einträge im Posteingang des Vertriebs. Der erste lautet „Bitte um Rückruf“, der zweite enthält ein Wort und eine Telefonnummer, der dritte ist ein ausführliches Projektbriefing, das leider an ein Unternehmen gerichtet ist, das so etwas gar nicht anbietet. Alle drei kamen über dasselbe Kontaktformular. Alle drei kosten Zeit, bevor ein einziges Beratungsgespräch stattfindet.
Angenommen wird in dieser Konzeptstudie ein B2B-Dienstleister mit einem kleinen Vertriebsteam, etwa eine Beratung, ein technischer Dienstleister oder ein Anbieter von Wartungs- und Projektleistungen. Das Geschäft lebt von wenigen, dafür beratungsintensiven Aufträgen. Jede Anfrage verdient eine Antwort, aber nicht jede verdient dieselbe Antwortzeit und denselben Gesprächspartner.
Das Muster ist bekannt: Das Formular fragt Name, E-Mail und Nachricht ab, mehr nicht. Alles Weitere erfährt der Vertrieb im ersten Telefonat, das dadurch zur Erhebung wird, statt zur Beratung. Ein Chatbot kann diese Vorarbeit übernehmen. Ob er es gut tut, hängt weniger von der Technik ab als davon, welche Fragen er stellt, in welcher Reihenfolge, und was mit den Antworten geschieht.
Hinzu kommt ein Effekt, den man selten bilanziert: Je länger eine Rückfrage dauert, desto kühler wird der Kontakt. Wer an einem Vormittag drei Anbieter anschreibt, spricht am Nachmittag mit dem, der zuerst eine sinnvolle Rückfrage gestellt hat. Eine schnelle, inhaltliche Antwort ist deshalb kein Komfort, sondern Teil der Anbahnung. Genau hier setzt die Konzeption an, mit dem Anspruch, Menschen früher ernst zu nehmen und den Vertrieb später besser vorzubereiten.
Ein Qualifizierungsbot spart keine Beratung, er verschiebt die Rückfragen an eine Stelle, an der sie niemanden Zeit kosten.
Zwischen Verhör und Beliebigkeit
Die naheliegende Idee ist ein Fragenkatalog mit vier Feldern: Bedarf, Zeitrahmen, Budget, Ansprechpartner. Das Problem zeigt sich beim ersten Test. Wer in der zweiten Nachricht nach dem Budget gefragt wird, ohne zu wissen, warum, antwortet ausweichend oder bricht ab. Die Datenerhebung gelingt, das Gespräch scheitert.
Ein zweites Fehlerbild ist die falsche Sicherheit. Ein Bot, der aus vier Antworten eine Zahl berechnet und danach Interessenten „aussortiert“, wirkt effizient und entscheidet auf dünner Grundlage. Ein Einkäufer, der keine Budgetgrenze nennt, weil sie intern noch nicht feststeht, ist nicht automatisch ein schwacher Kontakt. Bei beratungsintensiven Leistungen ist ein unklares Budget häufig der Normalfall am Anfang.
Drittens die Anfragen, die gar nicht ins Angebot passen. Sie sind keine Randerscheinung. Wer eine allgemein auffindbare Website betreibt, bekommt Bewerbungen, Vertriebsanfragen anderer Anbieter, Supportfälle bestehender Kunden und Projekte, die zu klein, zu groß oder fachlich daneben liegen. Der Bot muss sie erkennen, ohne unfreundlich zu werden.
Schließlich bleibt die Frage der Verantwortung. Ein automatisches Gespräch mit einem potenziellen Neukunden ist der erste Eindruck des Unternehmens. Er muss genauso höflich, präzise und ehrlich sein wie ein menschlicher, einschließlich des Hinweises, dass hier ein Assistent schreibt.
Ein fünftes Fehlerbild betrifft die Pflege. Ein Leitfaden, der einmal geschrieben und nie angepasst wird, veraltet mit dem Angebot. Kommt eine neue Leistung hinzu oder wird eine eingestellt, antwortet der Bot weiter nach altem Stand. Deshalb braucht das Vorhaben von Beginn an eine Person, die Leitfaden und Ausschlusskriterien verantwortet und bei Änderungen im Angebot aktualisiert.
- Zu viele Fragen am Stück erzeugen Abbrüche, zu wenige liefern keinen Mehrwert für den Vertrieb.
- Ein Score ohne Begründung wird vom Vertrieb entweder blind befolgt oder ignoriert.
- Fehlanfragen brauchen einen eigenen, freundlichen Ausgang statt einer Sackgasse.
Was der Vertrieb vor dem ersten Gespräch wirklich wissen muss
Bevor ein einziger Satz des Bots entsteht, steht eine Frage an den Vertrieb: Was brauchen Sie, um ein erstes Gespräch gut zu führen? Meist ist die Liste kürzer als erwartet. Nicht Unternehmensgröße, Branche und Jahresumsatz entscheiden über ein gutes Erstgespräch, sondern das konkrete Anliegen, ein grober zeitlicher Rahmen und die Frage, wer an der Entscheidung beteiligt ist.
Das Budget ist ein Sonderfall. Als Zahl abgefragt, ist es unzuverlässig und oft unbeliebt. Als Rahmenfrage, etwa ob ein Budget bereits eingeplant ist oder erst ermittelt wird, liefert es dagegen brauchbare Information. Dahinter steckt ein Prinzip: Der Bot fragt nach dem Stand der Entscheidung, nicht nach Zahlen, die der Interessent nicht preisgeben will oder noch nicht kennt.
Aus Gesprächen mit dem Vertrieb entsteht außerdem eine Liste der Ausschlusskriterien. Welche Leistungen bieten Sie nicht an? Ab welchem Projektumfang lohnt sich ein Gespräch? In welchen Regionen sind Sie tätig? Diese Punkte sind kein Misstrauensvotum gegen Interessenten, sondern Orientierung, damit der Bot ehrlich antworten kann, statt falsche Erwartungen zu wecken.
Praktisch bewährt sich ein kurzer Workshop mit zwei oder drei Personen aus dem Vertrieb. Sie bringen je fünf zurückliegende Anfragen mit, gute wie schlechte, und beantworten für jede: Was hätten wir vorab wissen wollen, und woran hätten wir die Fehlanfrage früher erkannt? Aus den Antworten entsteht die Pflichtliste, und sie fällt fast immer kürzer aus als die Wunschliste, mit der man gestartet ist.
Abbildung · Gewichtung der Qualifizierungsinformationen
- Konkretes Anliegenrelative Priorität
- Entscheidungsrolle des Gegenübersrelative Priorität
- Zeitrahmenrelative Priorität
- Stand der Budgetplanungrelative Priorität
- Unternehmensgröße und Brancherelative Priorität
Ein Gespräch führen, das nebenbei etwas erfährt
Die Lösungsstrategie folgt einem Grundsatz: Das Gespräch dient dem Interessenten, die Qualifizierung ist ein Nebenprodukt. Der Bot beginnt nicht mit Fragen, sondern mit einer Antwort. Wer beschreibt, was er sucht, bekommt zuerst eine kurze Einordnung, ob das zum Angebot passt, und erst danach eine gezielte Nachfrage. So entsteht der Eindruck eines Gesprächs, nicht einer Erhebung.
Es gibt Alternativen, die wir abgewogen haben. Ein klassisches mehrstufiges Formular ist robust und transparent, aber es fragt immer dasselbe, unabhängig davon, was der Interessent schon geschrieben hat. Ein freier Chat mit einem Sprachmodell ohne Struktur ist flexibel, vergisst aber gern Pflichtpunkte oder improvisiert Aussagen zum Angebot. Der gewählte Mittelweg ist ein geführter Dialog: ein fester Rahmen mit wenigen Pflichtpunkten, innerhalb dessen das Modell frei formuliert und aus Freitext Informationen entnimmt.
Das Scoring bleibt bewusst einfach. Statt vieler Punkte und Gewichtungen gibt es drei Einordnungen: passt klar, passt vielleicht, passt nicht. Jede Einordnung trägt eine kurze Begründung in Worten. Der Vertrieb liest „Anliegen passt, Zeitrahmen drei Monate, Entscheider noch unklar“ und nicht „Score 62“. Eine Zahl suggeriert Messgenauigkeit, die es nicht gibt.
Wichtig ist die Rangfolge der Verantwortung. Der Bot ordnet vor, der Mensch entscheidet. Jede Anfrage erreicht den Vertrieb, auch die als „passt nicht“ eingestufte, nur mit anderer Priorität und mit der Möglichkeit, die Einordnung zu korrigieren. Das verhindert, dass ein Fehler des Systems unbemerkt einen guten Kontakt kostet.
Ein Beispiel verdeutlicht den Unterschied. Schreibt ein Interessent „Wir brauchen jemanden, der unsere Wartungsverträge neu aufsetzt, bis Jahresende“, erkennt das Modell Anliegen und Zeitrahmen bereits und fragt nur noch nach der Rolle. Ein Formular würde beides erneut erfragen. Der Interessent merkt, dass zugehört wurde, und der Vertrieb erhält dieselben Daten mit weniger Reibung.
Ein Score ist eine Lesehilfe für den Vertrieb. Er wird erst gefährlich, wenn aus ihm eine Entscheidung wird, die niemand mehr prüft.
Der Leitfaden: Fragen in der Reihenfolge, in der Menschen antworten
Die Reihenfolge der Fragen folgt der Bereitschaft zu antworten. Zuerst das Anliegen, denn darüber redet jeder gern. Danach der Kontext, also wofür die Leistung gebraucht wird und was bereits vorhanden ist. Erst dann der Zeitrahmen, und erst im letzten Drittel Rolle und Entscheidungsweg. Das Budget wird nicht gesondert abgefragt, sondern ergibt sich oft aus dem Kontext oder wird als Rahmenfrage gestellt.
Jede Frage hat eine Begründung, die der Bot nennt. „Damit wir Sie mit der richtigen Fachperson verbinden, helfen mir zwei Angaben“ wirkt anders als eine kommentarlose Abfrage. Zudem darf jede Frage übersprungen werden. Wer das Budget nicht nennen mag, bekommt keine Wiederholung, sondern eine Notiz „nicht angegeben“ in der Übergabe. Dieses Detail bestimmt, ob Menschen das Gespräch zu Ende führen.
Auch der Ausstieg ist Teil der Konzeption. Zu jedem Zeitpunkt kann der Interessent um einen Rückruf bitten oder das Gespräch beenden. Der Bot fasst dann zusammen, was er bis dahin weiß, und gibt es weiter. Eine abgebrochene Qualifizierung ist besser als eine abgebrochene Beziehung.
Für den Ton gilt: kurze Sätze, keine Fachbegriffe aus dem Vertrieb, keine Schmeichelei. Der Bot stellt pro Nachricht höchstens eine Frage und bestätigt in eigenen Worten, was er verstanden hat. Dieses Spiegeln wirkt wie ein Detail, korrigiert aber früh Missverständnisse, die sonst erst im Erstgespräch auffallen.
Eine Besonderheit ist der Umgang mit Mehrdeutigkeit. Schreibt jemand „Wir brauchen eine Lösung für unsere Daten“, kann das Migration, Auswertung, Sicherung oder Datenschutz bedeuten. Der Bot rät nicht, sondern bietet zwei oder drei Lesarten zur Auswahl an und lässt die Möglichkeit offen, es anders zu formulieren. Der Aufwand ist gering, der Gewinn liegt in der Genauigkeit der Übergabe.
Abbildung · Der Gesprächsverlauf im Überblick
Anliegen
Freitext, Bot ordnet ein und nennt, was möglich ist
Kontext
Ausgangslage, vorhandene Lösung, Umfang grob
Zeitrahmen
Anlass und gewünschter Start, ohne Druck
Entscheidungsweg
Rolle, weitere Beteiligte, Stand der Budgetplanung
Übergabe
Zusammenfassung, Terminvorschlag oder Rückruf
Vom Chatfenster ins CRM: Was technisch zusammenspielt
Technisch besteht die Lösung aus vier Teilen: dem Chatfenster auf der Website, einer Dialogsteuerung, die den Leitfaden durchsetzt, einem Sprachmodell für Verständnis und Formulierung und einer Schnittstelle zum CRM. Die Trennung ist wichtig. Das Modell darf formulieren und verstehen, aber nicht entscheiden, welche Pflichtpunkte fehlen oder wohin eine Anfrage geleitet wird. Das übernimmt eine nachvollziehbare Logik außerhalb des Modells.
Das Modell extrahiert aus Freitext strukturierte Angaben, etwa Anliegen, Zeitrahmen und Rolle, und gibt sie in einem festen Format zurück. Die Dialogsteuerung prüft, welche Felder noch offen sind, und gibt die nächste Frage vor. Bei Unsicherheit markiert das Modell eine Angabe als „vermutet“ statt als „bestätigt“. Der Vertrieb sieht später den Unterschied.
Die Übergabe erzeugt zwei Dinge: einen strukturierten Datensatz mit den Feldern des CRM und eine kurze Zusammenfassung in Fließtext. Die Zusammenfassung enthält das Anliegen in einem Satz, die offenen Punkte und eine Gesprächsnotiz, was der Interessent ausdrücklich nicht beantworten wollte. Dazu kommt der Verlauf als Anhang, damit nichts verloren geht, wenn die Zusammenfassung etwas verkürzt.
Beim Datenschutz gilt der Grundsatz der Datensparsamkeit: Erhoben wird, was für die Beratung nötig ist. Der Hinweis auf die automatische Verarbeitung, die Einwilligung zur Kontaktaufnahme und die Speicherfristen gehören in das Konzept, ihre rechtliche Ausgestaltung klären Sie mit Ihrer Datenschutzbeauftragten oder Ihrem Berater. Diese Studie ersetzt keine Rechtsberatung.
Abbildung · Architektur der Qualifizierung
Chatfenster
Hinweis auf Assistent, Datenschutzinformation, Ausstieg jederzeit möglich.
Dialogsteuerung
Leitfaden, Pflichtpunkte, Reihenfolge, Überspringen und Abbruch.
Sprachmodell
Versteht Freitext, formuliert Antworten, liefert strukturierte Angaben.
Einordnung
Drei Stufen mit Begründung in Worten, regelbasiert und nachvollziehbar.
CRM-Übergabe
Datensatz, Zusammenfassung, Verlauf, Zuständigkeit.
Sonderfälle: Bewerbungen, Bestandskunden, Vertriebsanfragen und der unklare Fall
Der erste Sonderfall ist die Anfrage außerhalb des Zielfelds. Wer ein Projekt beschreibt, das das Unternehmen nicht anbietet, sollte das schnell und freundlich erfahren. Der Bot sagt klar, dass die Leistung nicht zum Angebot gehört, und nennt, wenn möglich, eine Alternative: einen Hinweis auf die passende Fachrichtung oder eine Empfehlung, nach welchen Anbietern der Interessent suchen kann. Eine Weitergabe an den Vertrieb bleibt trotzdem möglich, falls der Interessent es wünscht.
Zweitens die Anfragen, die nichts mit Neugeschäft zu tun haben. Bewerbungen gehören zur Personalabteilung, Supportfälle von Bestandskunden zum Kundendienst, Vertriebsanfragen Dritter in einen eigenen Posteingang. Der Bot erkennt diese Gruppen an Formulierungen und fragt im Zweifel nach: „Geht es um ein neues Projekt oder um ein laufendes?“ Eine falsche Sortierung wird so früh bemerkt.
Drittens die unklare Anfrage. Manche Menschen können ihr Anliegen nicht in Worte fassen oder schreiben nur Stichworte. Hier hilft ein Angebot zur Auswahl mit drei bis vier typischen Anliegen, ohne die freie Eingabe zu verbieten. Bleibt es unklar, geht die Anfrage mit dem Vermerk „Anliegen offen“ an den Vertrieb. Das ist ehrlicher als eine erzwungene Zuordnung.
Ein vierter Fall ist die Rückfrage, die der Bot nicht beantworten kann, etwa nach konkreten Preisen oder Referenzen. Er erfindet nichts, sondern sagt, dass hier eine Person antworten wird, und notiert die Frage in der Übergabe. Das gilt auch für Zusagen zu Terminen, Leistungsumfang oder Konditionen. Verbindliche Aussagen bleiben beim Menschen.
Abbildung · Fragenkatalog gegen geführtes Gespräch
- Vier Felder in fester Reihenfolge, unabhängig vom bereits Geschriebenen.
- Budgetfrage als Zahl, oft ohne Begründung.
- Eine Zahl als Score, ohne erklärende Notiz.
- Fehlanfragen laufen in dieselbe Warteschlange wie alle anderen.
Was sich verbessern lässt und was nicht versprochen werden kann
Der Nutzen einer Qualifizierung zeigt sich nicht in einer einzelnen Zahl, sondern in mehreren Beobachtungen. Realistisch zu erwarten ist, dass der Vertrieb weniger Zeit mit Erstrückfragen verbringt, dass die Anfragen im CRM vollständiger sind und dass Fehlanfragen früher auf den richtigen Weg gelangen. Wie stark diese Effekte ausfallen, hängt vom Ausgangszustand, vom Anfragevolumen und von der Qualität des Leitfadens ab.
Messen lässt sich das mit wenigen Kennzahlen aus dem CRM und dem Chatverlauf: Anteil der Gespräche, die bis zur Übergabe geführt werden, Anteil der Übergaben mit vollständigen Pflichtangaben, Zeit bis zur ersten Antwort durch eine Person, Anteil der Übergaben, bei denen der Vertrieb die Einordnung korrigiert, und die Quote der Termine pro qualifizierter Anfrage. Der Zeitraum sollte mehrere Wochen betragen, damit Wochenschwankungen nicht täuschen.
Besonders aufschlussreich ist die Korrekturquote. Korrigiert der Vertrieb die Einordnung häufig, ist der Leitfaden zu grob oder das Scoring falsch kalibriert. Korrigiert er fast nie, liegt das entweder an guter Arbeit oder daran, dass niemand mehr hinsieht. Deshalb gehört eine regelmäßige Stichprobe von Gesprächen in den Betrieb, bei der Menschen lesen, was der Bot tatsächlich geschrieben hat.
Nicht versprechen lässt sich ein Umsatzzuwachs. Ein Chatbot erzeugt keine Nachfrage, er ordnet vorhandene. Ebenso wenig lässt sich vorab sagen, wie viele Besucher das Gespräch beginnen oder beenden. Wer das Gegenteil zusagt, kennt Ihre Website, Ihre Zielgruppe und Ihren Vertrieb nicht. Wir würden zuerst in einer kleinen Pilotphase Daten sammeln und erst danach über Erwartungen sprechen.
Zur Ehrlichkeit gehört auch, mögliche Nachteile zu benennen. Manche Interessenten meiden Chatfenster grundsätzlich und schreiben lieber eine E-Mail oder rufen an. Beides muss gleichwertig möglich bleiben. Andere probieren den Bot aus, um seine Grenzen zu testen. Auch das ist kein Fehler im Betrieb, sondern ein Anlass, die Antworten auf Randfragen vor dem Start gründlich zu prüfen und danach regelmäßig nachzusehen.
Was sich aus dem Konzept lernen lässt
Der tragfähigste Gedanke dieser Konzeption ist die Trennung von Information und Entscheidung. Der Bot sammelt, strukturiert und fasst zusammen. Welcher Interessent eine persönliche Antwort bekommt und mit welcher Dringlichkeit, entscheidet der Vertrieb. Wer diese Grenze einhält, kann dem System Fehler verzeihen, weil jeder Fehler abgefangen wird.
Zweitens lohnt es sich, den Leitfaden gemeinsam mit dem Vertrieb zu schreiben, nicht für ihn. Die Menschen, die später mit den Übergaben arbeiten, wissen am besten, welche Angabe ein Gespräch verbessert und welche nur gut aussieht. Der erste Entwurf enthält fast immer zu viele Fragen. Das Streichen ist die eigentliche Arbeit.
Drittens sollte der Betrieb in Etappen starten. Zuerst läuft der Bot im Hintergrund und schlägt Einordnungen vor, die der Vertrieb mit der eigenen Einschätzung vergleicht. Dann folgt die Übergabe mit Zusammenfassung. Erst zuletzt kommt die Terminvereinbarung. So entsteht Vertrauen, und Fehler zeigen sich, bevor sie Interessenten erreichen.
Viertens zahlt sich Zurückhaltung beim Funktionsumfang aus. Es ist verlockend, den Bot gleich Angebote erstellen, Preise nennen und Termine vergeben zu lassen. Jede dieser Fähigkeiten erweitert die Fläche, auf der etwas schiefgehen kann. Besser ist eine kleine Aufgabe, die zuverlässig gelingt, und eine Erweiterung erst dann, wenn die Stichproben ruhig verlaufen. Das gilt besonders für Aussagen zu Konditionen, die ohne menschliche Freigabe nie den Bot verlassen sollten.
- Pflichtpunkte auf das Nötige begrenzen und jede Frage mit einem Grund versehen.
- Einordnungen immer mit Begründung ausgeben und dem Vertrieb Korrekturen leicht machen.
- Gespräche regelmäßig stichprobenartig lesen und den Leitfaden daraufhin nachschärfen.
- Abbrüche und Überspringen als normales Verhalten behandeln, nicht als Fehler.
Ein Bot, der nicht widersprochen werden darf, ist kein Assistent, sondern ein Filter, der niemandem Rechenschaft schuldet.
Abbildung · Ein möglicher Einführungsplan
- 1
Woche 1 bis 2
Vertrieb interviewen, Ausschlusskriterien und Pflichtpunkte festlegen.
- 2
Woche 3 bis 4
Leitfaden, Tonfall und Ausgänge für Sonderfälle entwerfen und testen.
- 3
Woche 5 bis 6
Hintergrundbetrieb: Bot schlägt Einordnungen vor, Vertrieb vergleicht.
- 4
Woche 7 bis 10
Live mit Übergabe ins CRM, wöchentliche Stichproben.
- 5
Ab Woche 11
Auswertung, Leitfaden anpassen, Terminvereinbarung prüfen.
Fazit: Qualifizieren heißt zuhören, bevor man sortiert
Chatbot Lead Qualifizierung lohnt sich für B2B-Dienstleister, deren Vertrieb viel Zeit mit Erstrückfragen und Fehlanfragen verbringt. Sie lohnt sich weniger, wenn nur wenige Anfragen pro Monat eingehen, denn dann ist der Aufwand für Konzept und Pflege größer als der Gewinn. Ein Bot ersetzt weder Beratung noch Erfahrung im Vertrieb. Er verschiebt Vorarbeit und macht sie sichtbar.
Der nächste Schritt ist klein und braucht keine Technik. Nehmen Sie die letzten zwanzig Anfragen Ihrer Website und markieren Sie, was der Vertrieb im Erstgespräch erst erfragen musste. Wiederholen sich bestimmte Fragen, haben Sie den Kern Ihres Leitfadens. Wiederholen sie sich nicht, ist das ebenfalls ein Befund: Dann liegt das Problem vermutlich nicht in der Vorqualifizierung.
Wir besprechen das gern mit Ihnen, ohne Verkaufsdruck. Gemeinsam schauen wir auf Ihre Anfragen, Ihr CRM und Ihre Ausschlusskriterien und sagen klar, ob ein Chatbot hier hilft oder ob ein besser aufgebautes Kontaktformular genügt.
Falls Sie bereits ein CRM einsetzen, bringen Sie die Feldliste mit. Die Übergabe steht und fällt mit der Frage, welche Angaben dort sauber abgelegt werden können, und deshalb beginnt jedes Gespräch über einen Qualifizierungsbot bei den Feldern, nicht bei der Oberfläche des Chatfensters.
Häufige Fragen
Welche Fragen sollte ein Chatbot zur Lead-Qualifizierung stellen?
Sinnvoll sind wenige Fragen: das konkrete Anliegen, der Kontext, ein grober Zeitrahmen, die Rolle im Entscheidungsprozess und der Stand der Budgetplanung. Entscheidend ist die Reihenfolge, vom Anliegen zum Entscheidungsweg, und dass jede Frage überspringbar ist. Zu viele Pflichtfragen erhöhen die Abbruchrate, ohne dem Vertrieb merklich zu helfen.
Soll der Chatbot nach dem Budget fragen?
Eine konkrete Zahl ist als Erstfrage oft unzuverlässig und unbeliebt. Besser ist eine Rahmenfrage, ob ein Budget bereits eingeplant ist oder noch ermittelt wird. Wer nichts angeben möchte, wird nicht gedrängt, der Bot vermerkt in der Übergabe „nicht angegeben“. Das hilft dem Vertrieb mehr als eine geschätzte Zahl.
Ist ein Lead Scoring durch einen Chatbot zuverlässig?
Nur als Hilfe. Ein Scoring aus wenigen Antworten kann Hinweise geben, aber keine Wahrheit liefern. Wir empfehlen drei einfache Einordnungen mit Begründung in Worten und eine leicht mögliche Korrektur durch den Vertrieb. Jede Anfrage erreicht einen Menschen, nur mit unterschiedlicher Priorität. Die Korrekturquote zeigt, wie gut die Einordnung funktioniert.
Was gehört in die Übergabe ins CRM?
Ein strukturierter Datensatz mit Anliegen, Zeitrahmen, Rolle und Kontaktdaten, dazu eine kurze Zusammenfassung in Fließtext mit offenen Punkten und dem Vermerk, was der Interessent nicht beantworten wollte. Zusätzlich sollte der Gesprächsverlauf als Anhang hinterlegt sein, damit die Zusammenfassung überprüfbar bleibt.
Wie geht der Bot mit Anfragen um, die nicht zu uns passen?
Er sagt freundlich und früh, dass die Leistung nicht zum Angebot gehört, und nennt wenn möglich eine Alternative. Bewerbungen, Supportfälle und Vertriebsanfragen Dritter erhalten eigene Ausgänge. Wünscht der Interessent trotzdem einen Kontakt, wird die Anfrage mit niedriger Priorität weitergegeben. Aussortiert wird niemand ohne Möglichkeit zur Rückmeldung.
Lohnt sich ein Qualifizierungs-Chatbot bei wenigen Anfragen?
Meist nicht. Bei wenigen Anfragen pro Monat ist der Aufwand für Konzept, Test und Pflege höher als die gesparte Vertriebszeit. Prüfen Sie zuerst, ob ein besseres Formular mit zwei, drei gezielten Feldern genügt. Ab einem spürbaren Volumen mit häufigen Rückfragen und Fehlanfragen wird ein Bot interessant, den Nutzen zeigt dann eine Pilotphase.